Thermikfliegen
während andere noch lange auf den Frühling warten? Kein
Problem: Zwei Jetflugstunden südwestlich der Schweiz wartet die
Sonnenstube Europas auf winter- und huddelwettermüde Piloten.
Und dort gibt es auch Flugplätze, auf denen Schweizer und Deutsche
Charterflugzeuge anbieten.
Über
Geier
Plötzlich sind sie überall. Dicht unter uns, neben uns,
vor uns und im schmalen Freiraum ausserhalb der Cockpitscheibe und
der dunklen Wolkenbasis. „Das sind Geier. Aber chlini Cheibe“,
sagt Pedro. Es ist Mitte April und wir kreisen im gelbweissen Motorsegler
Rotax-Falke seit gut einer halben Stunde mit stehender Latte über
dem Flachland östlich von Villamartin. Das laute Fauchen des
Fahrtwindes bestätigt, dass wir genug Fahrt haben um auch enger
zu kreisen. Innert kurzer Zeit sind wir von 600 Metern bis knapp unter
die Basis bei rund 1500 Metern gestiegen.
Die Thermik ist grossflächig und stark. Unter
uns ziehen Licht und Schatten über das Land. Der frische Wind
bläst deutlich aus Nordwesten. Wolke an Wolke reiht sich Richtung
Südosten. Dort, am Horizont, zieht sich die bewaldete Bergkette
der Sierra de Grazalema hin, deren Spitze gerade noch die Wolkenbasis
berühren. Die Berge sind das Ziel der Segelflieger, die vom kleinen
Privat-Flugplatz Villamartin aufsteigen. Und das Tummelfeld von Delta-
und Gleitschirmfliegern, die dort in Gruppen oder in Begleitung eines
Fluglehrers die laminaren Aufwinde im Luv der Bergkette suchen. Denn
Andalusien ist schon seit vielen Jahren das Herbst- und Winterziel
von bunt betuchten Zugvögeln aus Mitteleuropa.
Unter
uns breitet sich eine Landschaft aus, die von grünen Feldern,
braunen Äckern, hellblauen Seen und weissen Dörfern geprägt
ist. Es ist die Region, die den vielsagenden Übernamen „Bratpfanne
Spaniens“ trägt. Doch jetzt, nach einem regnerischen Winter,
präsentiert sich die im Sommer kahlgebrannte und ausgeglühte
Bratpfanne bunt wie eine Gemüseplatte auf der kalten Herdplatte.
Küsten-
und Städteflüge
Mir
gefällt der dichte Vogelflugverkehr ringsum nicht - ich sehe
uns schon zu dritt im Cockpit. „Es ist wohl besser wir gehen“,
pflichtet Pedro bei. Wir nehmen Kurs auf die nächste Wolke und
gleiten unter der düsteren Wolkenbasis hinaus ins gleissende
Sonnenlicht. Das Vario beginnt sein Klagelied. Aber nur sekundenlang.
Dann tauchen wir unter die nächste Wolke was das Gerät mit
einem erfreuten Piepsen in den höchsten Tönen quittiert.
Und schon bald ist der Falke erneut von Junggeiern umzingelt - die
lautlose Jagd geht weiter.
Am nächsten Tag fliegen wir gegen Abend Richtung
Küste. Nach einer halben Stunde haben wir Barbate erreicht. Es
liegt nur wenige Flugminuten nordwestlich von Tarifa, dem südlichsten
Punkt Europas, von dem aus die Meerenge von Gibraltar überblickbar
ist. Wir aber drehen an der Küste in Richtung Nordwest und fliegen
über den Leuchturm von Trafalgar und über endlose Sandstrände
auf Cadiz zu. Kompakt, weiss und exotisch liegt die Hafenstadt im
weichen Licht der tiefstehenden Sonne. Nach einem städtischen
Erkundungsflug, hart aber kontrolliert an der Grenze der CTA von Rota,
geht es wieder in nordöstlicher Richtung zum Heimatflugplatz.
Am Folgetag
steht ein Städteflug auf dem Programm. Wir entscheiden uns für
die etwa eine Flugstunde entfernte Stadt Cordoba mit ihrer berühmten
Mezquita, eine der grössten Moscheen der Welt. Und sparen uns
Granada mit seiner eindrücklichen „Alhambra“ für
später auf.
Architekt
baut neue Zukunft
Die
Behauptung, dass man in Andalusien 365 Tage im Jahr fliegen kann,
wäre übertrieben. Aber das dort die Schlechtwettertage rarer
sind, als bei uns die Schönwettertage dürfte keine falsche
Aussage sein. Während wir im Januar und Februar Schnee schaufelten,
kreisten unsere Sportsfreunde in Andalusien bei 15 bis 20 Grad Tagestemperaturen
in 5-Meter-Bärten. Kein Wunder flüchten sich immer mehr
Mitteleuropäer, die vom heimischen Wetter und anderem die Nase
voll haben in die Sonnenstube Europas. Einige für immer. Darunter
auch unternehmungslustige Flieger. Vor knapp zwei Jahren hat sich
der Münchner Architekt Hans Nerlinger bei Jerez niedergelassen.
Heute betreibt er dort auf dem internationalen Flughafen eine Flugschule
für PPL-Piloten und bietet dabei ein beachtliches Ausbildungsspektrum
an. Die sechs Flugzeuge (drei Cessnas, eine Beach und eine Katana)
kann man auch chartern. Ab 98 Euro pro Stunde bekommt man eine Cessna
172. Die Katana gibt es ab 115 Euro. In Küstennähe betreibt
Nerlinger darüber hinaus noch eine Flugschule für UL-Piloten
. Auch diese Flugzeuge kann man chartern. 90 Euro kostet die Flugstunde
mit einer Ikarus C42 und für zusätzliche 30 Euro fliegt
ein Instruktor oder Safety-Pilot mit. Schon fast legendär ist
die jährliche Flug-Safari der Nerlinger-Flotte nach Marokko um
Mitte Mai herum. „Ja, meine neue Existenz in Spanien ist ein
Erfolg. Für die nächsten zwei Monate bin ich schon ausgebucht“,
vermeldet Nerlinger zufrieden.
Aus
Bahnhof wird Hotel mit Flugplatz
So
schnell geht es in Villamartin nicht. Hier, im überschaubaren
Städtchen eine knappe Fahrstunde von Jerez entfernt, haben sich
der Schweizer Peter Wittwer und der Deutsche Thomas Huster zu einer
touristisch geprägten Fliegergemeinschaft gefunden. Der einstige
Schriftsetzer Huster ist schon vor zwei Jahrzehnten auf die Delta-
und Gleitschirmbranche umgestiegen und war unter anderem als Markenvertreter
und Fluglehrer aktiv. Nachdem er eine Weile an der nordspanischen
Küste gelebt hatte, entdeckte er am Stadtrand von Villamartin
etwas, dass ihm als Mitteleuropäer ziemlich spanisch vorkam:
Einen alten ruinösen Bahnhof ohne Geleise, dafür mit Flugpiste.
Huster wechselte seinen Wohnsitz, kaufte die beiden
Restposten einer mobilen Vergangenheit des Städtchens und liess
den Bahnhof nach seinen Vorstellungen zu einem schmucken Hotel um-
und ausbauen. Seit Mai 2002 ist er Besitzer und Direktor des Hotels
„La Antigua Estación“ und hofft natürlich
auf Gäste, die eine Flugpiste direkt neben dem Hotel zu schätzen
wissen.
Gekommen
ist aber zuerst einer, dem es vor allem die Flugpiste und der dazugehörige
grosse Hangar angetan hat - der Schweizer Peter Wittwer. Der ehemalige
Flugversuchsingenieur der Pilatus-Werke und Spanien-Fan mit dem Wahlvornamen
„Pedro“, hat bereits beim Umbau des Bahnhofs seine Chance
für eine fliegerische Symbiose gewittert, sich einen nagelneuen
Rotax-Falken gepostet und im Sommer 2002 der verregneten Zentralschweiz
endgültig den Rücken gekehrt. Im Marketingverbund mit Thomas
Huster schleppt er jetzt mit seinem Falken die Segler der immer zahlreich
werdenden lokalen Segelflugpiloten in die Thermik, fliegt Touristen
über die Bratpfanne oder die Küste, oder er verchartert
seinen Falken an Selbstflieger. Für 96 Euro die Stunde ist er
zu haben. Noch preiswerter sind die Segler. Eine Twin Astir 1 gibt
es für 100 Euro pro Tag oder einen halben Euro pro Minute, eine
LS-3 für 90 Euros pro Tag oder 0.45 Euros pro Minute und eine
Astir CS für 80 Euros am Tag oder 0,4 Euros pro Minute. Immer
zuzüglich Schleppkosten von 32 Euros für 500 Höhenmeter
ab Grund.
Ideal
für Fliegerfamilien-Ferien
Bis
Ende Juli läuft eine Rabattaktion für Segelflugpiloten,
die im Hotel beim Flugplatz residieren: 25 Prozent Ermässigung
auf die Preise für Unterkunft, Flugzeugcharter und Schleppkosten.
Das Angebot ist attraktiv für Familien mit Kinder: Denn das Hotel
hat auch einen grossen Swimming-Pool. Stichwort Hotel: Mit den Unterkünften
im Landesinnern von Andalusien ist das so eine Sache. Die sogenannten
Haciendas und Landhotels, deren einfache und rustikale Gästezimmer
mitteleuropäische Gemüter erfreuen, liegen verstreut über
dem Land. Man muss sie suchen und finden. Im Umkreis von 30 Fahrminuten
gibt es rund um Villamartin etwa ein halbes Dutzend davon, die man
wirklich empfehlen kann. Mit Preisen zwischen 44 und 100 Euros pro
Doppelzimmer und Nacht. Gute Restaurants sind noch etwas rarer als
gute Hotels. Aber die touristisch gut erschlossene Atlantikküste
liegt nur etwas mehr als eine Fahrstunde (mitteleuropäischer
Fahrstil ! ) von Villamartin entfernt. Und dort ist alles ganz anders:
Hotes, Restaurants, Jubel, Trubel Heiterkeit - die wohlbekannte Alternative
zum ländlichen Fliegerferienleben eben.
Die
Anreise
Ab
Frühjahr wird Jerez nahe der Grenze zu Portugal neben Linienfluggesellschaften
auch von den Charterfluggesellschaften Edelweiss, Belair, CONDOR oder
Air Berlin angeflogen. Wer geschickt wählt, bezahlt weniger als
Fr. 300.- für den Retourflug. Wer aus der Schweiz mit dem Auto
anreist, muss über 2000 Kilometer weit fahren. In Jerez gibt
es in der Vorsaison für rund 200 Franken pro Woche komfortable
Mietwagen. In der Hauptsaison wird es etwas teurer.
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