Fotoflug zu den Hörnern

Von Niklaus Wächter


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Tja, es war wirklich Pech für meinen Flugpassagier, der schon seit Monaten auf gutes Wetter für einen Flug quer durch die Alpen von Buochs nach Samedan wartete. Aber es hat es sich so ausgesucht. Ausgerechnet am schönsten Tag in diesem Herbst wollte er ins Tessin fahren. Na dann, gute Fahrt. Für mich aber war klar: Heute wird geflogen. Wohin auch immer. Denn schon morgen soll das Flugwetter wieder schlechter werden.
„Georg willst Du mitkommen ? Nach Locarno ? Kaffe trinken?“. „Jaaaja“, tönt es aus dem Hörer. „Es ist nur – wegen der Kosten“. „Kein Problem. Du bist eingeladen. Du stehst ja auch immer für Fotoflüge als Copilot zur Verfügung“, beruhige ich ihn. „Also um 12 Uhr auf dem Flugplatz !“ Kaum aufgelegt, klingelt das Telefon. Die Redaktion. „Könnten Sie nicht, statt irgendwohin zu fliegen, für uns zu zwei bis drei Berggipfeln fliegen ? Zu solchen auf denen es vielleicht ein Berggasthaus und Leute hat ? Gut wäre es, wenn die Berggipfel irgendwie Horn hiessen – zum Beispiel Schilthorn“. Ehrensache: Flugaufträge erledigen wir immer. Vor allem bei Flugwetter. „Hallo Georg, wir können leider nicht nach Locarno fliegen – ich muss arbeiten. Willst Du mitfliegen zu den Hörnern?“ „Jaaaja“.


Vier Hörner ausgewählt
Wir treffen uns um 12.30 LT auf dem Flugplatz. Ich habe mir die vier Hörner mit Bedacht ausgesucht und bei zweien sicherheitshalber angerufen, ob die Bergbahnen wirklich noch in Betrieb und Ausflügler auf dem Gipfel zu erwarten sind. Auf dem Flugplan stehen in dieser Reihenfolge:
1. Das Brienzer Rothorn hoch über dem Brienzer See und mit 2349 m.ü.M. der höchste Berggipfel im Kanton Luzern.
2. Das Schilthorn im Berner Oberland, dessen modern konzipiertes Gipfelrestaurant auf 2973 m.ü.M. im Jahre 1968 als Piz Gloria im James Bond – Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ als Drehort benutzt wurde.
3. Das 2590 Meter hohe Jakobshorn bei Davos das auch als Startplatz für Gleitschirmer und Deltaflieger genutzt wird.
4. Das rund 1900 Meter hohe Stanserhorn wenige Kilometer vom Flugplatz Buochs entfernt mit seinem Drehrestaurant und den viel besuchten Aussichtsplattformen und –plätzen. „Wir benötigen sicher über drei Stunden“, rechne ich meinem Copiloten vor. „Waas? Gut, dass Du mir das sagst“, meint der und zieht sich zwecks vorsorglicher Entwässerung schleunigst noch mal an den Pistenrand zurück.



13.30 Uhr : Das Brienzer Rothorn

 

Das Brienzer Rothorn
Kurz nach 13 Uhr nimmt die Taifun 17 E II die Nase hoch und Kurs auf den ersten Gipfel: Das Brienzer Rothorn. Im konstanten Steigflug schaffen wir über die Luftlinie von 35 km den Aufstieg von 450 auf 2349 Meter nur knapp. Wir fliegen erst auf gleicher Höhe auf der Nordseite vorbei, um dann die für die Aufnahmen ideale Flughöhe und Distanz zum Gipfel zu justieren. Das Brienzer Rothorn ist eine Eckposition der Kontrollzone des Armee-Flugplatz Meiringen mit der Frequenz 130.150. „Meiringen Tower D-KRRK approaching Brienzer Rothorn at 7700 feet for Photomission“. „D-KRRK next report when Photomission completed“, antwortet Meiringen-Tower und wendet sich wieder einer FA 18 zu. Ich achte bei meinen Luftaufnahmen stets darauf, nur unwesentlich höher als das Objekt zu fliegen und eine Optik zu wählen, mit der auf die umliegende Landschaft auf das Bild kommt. Der Bildbetrachter soll den Menschen auf dem Gipfel sozusagen über die Schulter schräg nach unten schauen. Auf dem Brienzer Rothorn kommt wegen der hellen Sonne im Süden und den gleissenden Schneebergen nur eine Aufnahmerichtung in Betracht. Es ist die unspektakulärere nach Norden. Wir machen etwa fünf Vorbeiflüge, wobei ich auf dem linken Sitz die Maschine jeweils in die optimale Schussposition bringe und kurz vor dem Griff zur Kamera meinem Copiloten das Steuer zum Weiterflug auf der eingeschlagenen Bahn übergebe. Um 13.30 Uhr ist die Fotomisssion beendet.



14 Uhr : Das Schilthorn mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Hintergrund



Piz Gloria
Weil die Kampfjets der Schweizer Luftwaffe immer wieder über dem Brienzersee hochsteigen, bleiben wir lieber nördlich der Bergkette, die sich dem See entlang zieht. Erst bei Interlaken überqueren wir das Tal Richtung Süden und nehmen Kurs auf Eiger Mönch und Jungfrau. Wir nähern uns dem Eingang des Lauterbrunnentals. Obschon ich ordentlich Power gesetzt habe, glaube ich zu sinken. Mein Vario zeigt zwei Meter steigen, aber die Bergwelt vor mir zeigt ebenfalls Steigen. Kein Wunder: Dicht vor mir bauen sich einige Viertausender auf. Ein deutscher Tornado-Pilot hat vor einigen Monaten die Situation ebenfalls unterschätzt. Es war sein letzter Irrtum. Sein Navigator dagegen konnte sich vor dem Aufprall der Maschine in eine Felswand während des letzten verzweifelten Steigfluges noch in letzter Sekunde mit dem Schleudersitz retten. Weil wir nur Taifun und nicht Tornado fliegen, haben wir viel mehr Zeit. Wir kraxeln mit optimaler Steigleistung über den immer unwirtlicheren Hängen und Kreten himmelwärts. Einer kahlen, vegetationslosen und schroffen Bergwelt zu. Rechts nähert sich langsam das Schilthorn, links fliegt ein Super-Puma der Armee auf exakt gleicher Höhe auf Parallelkurs. In einem grossen Trichter können wir nach rechts ausweichen und geniessen erst noch etwas Aufwind. In einer weiten Linkskurve nähern wir uns auf über 3000 Meter Höhe dem Schilthorn. Wie eine trotzige Festung der Zivilisation trohnt es in einer alpinen Mondlandschaft. Um 13.48 Uhr beginnen mit den Aufnahmen…

177 km durch die Alpen
Acht Minuten später ist die Photomission completed. Nach dem 80 km – Flug vom Brienzer Rothorn zum Schilthorn steht uns jetzt ein 177 km langer Flug nach Davos im Kanton Graubünden bevor.



14. 20 Uhr: Vorbeiflug am Rhonegletscher



Wir fliegen nördlich den gewaltigen Schneebergen des Berner Oberlandes entlang bis zum Haslital, dann Richtung Süden über den Grimselpass und nach einer Kurve gegen Osten über den Furkapass am Rhonegletscher vorbei nach Andermatt. Nachdem Überflug des 3000 Meter hohen Gemsstockes geht es südlich entlang des Surselva-Tales an Gletschern vorbei und über menschenleere Hochebenen Richtung Thusis. Mit Ausnahme der Region Andermatt ist die Luft überall absolut ruhig. Keine Wolke trübt den Himmel. Die Fernsicht ist phantastisch. Nach Thusis folgen wir dem Tal, das uns theoretisch nach Davos führen sollte.



15 Uhr: Das Jakobshorn bei Davos



Um 14.50 Uhr orten wir oben auf einem Hügelkamm ein helles Gebäude: Es ist das Berggasthaus Jakobshorn, das höchstgelegene Hotel von Davos. „Tiefer Georg, viel tiefer….“. Als ehemaliger Gleitschirmpilot habe ich keine Mühe mit Minimalhöhen. Wir müssen ziemlich tief über die Krete im Osten, damit wir eine gute Optik haben. Der gute alte Georg richtet sich bei solchen Manövern immer leicht auf im Sitz.. Während wir unsere tiefen Runden ziehen, startet unten auf dem Hang ein gelber Gleitschirm. Ich starte im Geist mit: Zwei Schritte nach vorne, Blick nach oben, Schirm leicht abbremsen, losrennen, Schirm stabil halten, abheben, Sicherheitspause, sich im bequemen Sitz nach hinten schieben, entspannen und fliegen lassen..
Jetzt aber bin ich am arbeiten. Klick,klick, klick: „Noch eine Runde und wir haben es geschafft“.




15.05 Uhr: Letzter Blick auf Davos

Pipi über dem ewigen Eis
Während des Abfluges nach Westen um 15 Uhr, drehen wir noch eine Fotorunde über Davos: Für alle Fälle. Wir passieren in 8000 Fuss Höhe Arosa und Lenzerheide. Rechts unten breitet sich Chur aus.



15.30 Uhr: Anflug auf das Tödi-Massiv



Dann nehmen wir Kurs auf die höchsten Gipfel im Westen: Sie sind bis 3614 Meter hoch und gehören zum Tödimassiv. Die Schluchten und Zacken unter uns sind unwahrscheinlich schroff und bedrohlich. Vor uns liegen die Felder des ewigen Schnees. Über dem Hüfi-Gletscher auf etwa 12000 Fuss drehe ich eine Fotorunde.



15.35: Über dem 3300 Meter hohen Hüfi-Gletscher im Tödimassiv



Dann gilt es, das zweieinhalbtausend Meter tiefer gelegene Reusstal zu überfliegen. In solchen Höhen fühle ich mich höchst unwohl. Ganz im Gegensatz zum Segelflieger Georg, der sich bei meinen Lieblingshöhen knapp über den Berghängen höchst unwohl fühlt. Jetzt ist also seine Stunde gekommen. Er sitzt neben mir und bastelt irgendwas mit seiner Karte. „Georg, kannst Du mal übernehmen ?“. „Tut mir leid, ich muss jetzt urinieren“*, ertönt es hinter dem Kartenverschlag. Sch….Immerhin ist der erfahrene Segelflieger für solche Momente vorbereitet und hat alles im Griff. Nach einigen Minuten verlässt etwas, das ich nicht sehen will das Flugzeug aus dem Seitenfenster, während ich schicksalsergeben Westkurs halte. Wir fliegen über den sagenumwobenen Surenenpass nach Engelberg und nähern uns von Süden unserem letzten Ziel: Dem Stanserhorn in der Kontrollzone des Flugplatz Buochs.



16 Uhr: Das Stanserhorn mit dem Vierwaldstättersee und dem Rigi-Massiv im Hintergrund.
Ganz links unten ein Teil des Flugplatzes Buochs.

Als wir nach dem 124 km Flug von Davos das Stanserhorn erreichen, ist es schon 15.50 Uhr. Dennoch wimmelt es von Menschen auf dem Gipfel. Wir machen unsere Aufnahmen und werden dabei ebenfalls fotografiert, wie sich später herausstellt.



16 Uhr. Die D-KRRK beim Fotoflug um das Stanserhorn. Fotografiert von Hansueli Bigler



„Buochs Tower D-KRRK Photomission overhead Stanserhorn completed. Proceeding via south und will come back in Gliderkconfiguration“, melde ich. „Next Report when entering Controlzone“, sagt Buochs Tower. Wir steigen nochmals über Engelberg auf 8000 Fuss und stellen den Motor ab. „Georg, jetzt kannst Du fliegen“. „Ja danke“. Um 16.26 Uhr setzen wir im Segelflug wieder auf der Piste 07 L auf. Nach drei Stunden und 18 Minuten. Nach einer Flugstrecke von gegen 450 km. Und mit vielen Bildern in der Kamera.

Niklaus Wächter

 



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