Tja,
es war wirklich Pech für meinen Flugpassagier, der schon seit
Monaten auf gutes Wetter für einen Flug quer durch die Alpen
von Buochs nach Samedan wartete. Aber es hat es sich so ausgesucht.
Ausgerechnet am schönsten Tag in diesem Herbst wollte er ins
Tessin fahren. Na dann, gute Fahrt. Für mich aber war klar: Heute
wird geflogen. Wohin auch immer. Denn schon morgen soll das Flugwetter
wieder schlechter werden.
„Georg willst Du mitkommen ? Nach Locarno ? Kaffe trinken?“.
„Jaaaja“, tönt es aus dem Hörer. „Es ist
nur – wegen der Kosten“. „Kein Problem. Du bist
eingeladen. Du stehst ja auch immer für Fotoflüge als Copilot
zur Verfügung“, beruhige ich ihn. „Also um 12 Uhr
auf dem Flugplatz !“ Kaum aufgelegt, klingelt das Telefon. Die
Redaktion. „Könnten Sie nicht, statt irgendwohin zu fliegen,
für uns zu zwei bis drei Berggipfeln fliegen ? Zu solchen auf
denen es vielleicht ein Berggasthaus und Leute hat ? Gut wäre
es, wenn die Berggipfel irgendwie Horn hiessen – zum Beispiel
Schilthorn“. Ehrensache: Flugaufträge erledigen wir immer.
Vor allem bei Flugwetter. „Hallo Georg, wir können leider
nicht nach Locarno fliegen – ich muss arbeiten. Willst Du mitfliegen
zu den Hörnern?“ „Jaaaja“.
Vier Hörner ausgewählt
Wir
treffen uns um 12.30 LT auf dem Flugplatz. Ich habe mir die vier Hörner
mit Bedacht ausgesucht und bei zweien sicherheitshalber angerufen,
ob die Bergbahnen wirklich noch in Betrieb und Ausflügler auf
dem Gipfel zu erwarten sind. Auf dem Flugplan stehen in dieser Reihenfolge:
1. Das Brienzer Rothorn hoch über dem Brienzer See und mit 2349
m.ü.M. der höchste Berggipfel im Kanton Luzern.
2. Das Schilthorn im Berner Oberland, dessen modern konzipiertes Gipfelrestaurant
auf 2973 m.ü.M. im Jahre 1968 als Piz Gloria im James Bond –
Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ als Drehort
benutzt wurde.
3. Das 2590 Meter hohe Jakobshorn bei Davos das auch als Startplatz
für Gleitschirmer und Deltaflieger genutzt wird.
4. Das rund 1900 Meter hohe Stanserhorn wenige Kilometer vom Flugplatz
Buochs entfernt mit seinem Drehrestaurant und den viel besuchten Aussichtsplattformen
und –plätzen. „Wir benötigen sicher über
drei Stunden“, rechne ich meinem Copiloten vor. „Waas?
Gut, dass Du mir das sagst“, meint der und zieht sich zwecks
vorsorglicher Entwässerung schleunigst noch mal an den Pistenrand
zurück.

13.30 Uhr : Das Brienzer Rothorn
Das
Brienzer Rothorn
Kurz nach 13 Uhr nimmt die Taifun 17 E II die Nase hoch und Kurs auf
den ersten Gipfel: Das Brienzer Rothorn. Im konstanten Steigflug schaffen
wir über die Luftlinie von 35 km den Aufstieg von 450 auf 2349
Meter nur knapp. Wir fliegen erst auf gleicher Höhe auf der Nordseite
vorbei, um dann die für die Aufnahmen ideale Flughöhe und
Distanz zum Gipfel zu justieren. Das Brienzer Rothorn ist eine Eckposition
der Kontrollzone des Armee-Flugplatz Meiringen mit der Frequenz 130.150.
„Meiringen Tower D-KRRK approaching Brienzer Rothorn at 7700
feet for Photomission“. „D-KRRK next report when Photomission
completed“, antwortet Meiringen-Tower und wendet sich wieder
einer FA 18 zu. Ich achte bei meinen Luftaufnahmen stets darauf, nur
unwesentlich höher als das Objekt zu fliegen und eine Optik zu
wählen, mit der auf die umliegende Landschaft auf das Bild kommt.
Der Bildbetrachter soll den Menschen auf dem Gipfel sozusagen über
die Schulter schräg nach unten schauen. Auf dem Brienzer Rothorn
kommt wegen der hellen Sonne im Süden und den gleissenden Schneebergen
nur eine Aufnahmerichtung in Betracht. Es ist die unspektakulärere
nach Norden. Wir machen etwa fünf Vorbeiflüge, wobei ich
auf dem linken Sitz die Maschine jeweils in die optimale Schussposition
bringe und kurz vor dem Griff zur Kamera meinem Copiloten das Steuer
zum Weiterflug auf der eingeschlagenen Bahn übergebe. Um 13.30
Uhr ist die Fotomisssion beendet.

14 Uhr : Das Schilthorn mit Eiger, Mönch
und Jungfrau im Hintergrund
Piz Gloria
Weil
die Kampfjets der Schweizer Luftwaffe immer wieder über dem Brienzersee
hochsteigen, bleiben wir lieber nördlich der Bergkette, die sich
dem See entlang zieht. Erst bei Interlaken überqueren wir das
Tal Richtung Süden und nehmen Kurs auf Eiger Mönch und Jungfrau.
Wir nähern uns dem Eingang des Lauterbrunnentals. Obschon ich
ordentlich Power gesetzt habe, glaube ich zu sinken. Mein Vario zeigt
zwei Meter steigen, aber die Bergwelt vor mir zeigt ebenfalls Steigen.
Kein Wunder: Dicht vor mir bauen sich einige Viertausender auf. Ein
deutscher Tornado-Pilot hat vor einigen Monaten die Situation ebenfalls
unterschätzt. Es war sein letzter Irrtum. Sein Navigator dagegen
konnte sich vor dem Aufprall der Maschine in eine Felswand während
des letzten verzweifelten Steigfluges noch in letzter Sekunde mit
dem Schleudersitz retten. Weil wir nur Taifun und nicht Tornado fliegen,
haben wir viel mehr Zeit. Wir kraxeln mit optimaler Steigleistung
über den immer unwirtlicheren Hängen und Kreten himmelwärts.
Einer kahlen, vegetationslosen und schroffen Bergwelt zu. Rechts nähert
sich langsam das Schilthorn, links fliegt ein Super-Puma der Armee
auf exakt gleicher Höhe auf Parallelkurs. In einem grossen Trichter
können wir nach rechts ausweichen und geniessen erst noch etwas
Aufwind. In einer weiten Linkskurve nähern wir uns auf über
3000 Meter Höhe dem Schilthorn. Wie eine trotzige Festung der
Zivilisation trohnt es in einer alpinen Mondlandschaft. Um 13.48 Uhr
beginnen mit den Aufnahmen…
177
km durch die Alpen
Acht
Minuten später ist die Photomission completed. Nach dem 80 km
– Flug vom Brienzer Rothorn zum Schilthorn steht uns jetzt ein
177 km langer Flug nach Davos im Kanton Graubünden bevor.

14. 20 Uhr: Vorbeiflug am Rhonegletscher
Wir fliegen nördlich den gewaltigen Schneebergen des Berner Oberlandes
entlang bis zum Haslital, dann Richtung Süden über den Grimselpass
und nach einer Kurve gegen Osten über den Furkapass am Rhonegletscher
vorbei nach Andermatt. Nachdem Überflug des 3000 Meter hohen
Gemsstockes geht es südlich entlang des Surselva-Tales an Gletschern
vorbei und über menschenleere Hochebenen Richtung Thusis. Mit
Ausnahme der Region Andermatt ist die Luft überall absolut ruhig.
Keine Wolke trübt den Himmel. Die Fernsicht ist phantastisch.
Nach Thusis folgen wir dem Tal, das uns theoretisch nach Davos führen
sollte.

15 Uhr: Das Jakobshorn bei Davos
Um 14.50 Uhr orten wir oben auf einem Hügelkamm ein helles Gebäude:
Es ist das Berggasthaus Jakobshorn, das höchstgelegene Hotel
von Davos. „Tiefer Georg, viel tiefer….“. Als ehemaliger
Gleitschirmpilot habe ich keine Mühe mit Minimalhöhen. Wir
müssen ziemlich tief über die Krete im Osten, damit wir
eine gute Optik haben. Der gute alte Georg richtet sich bei solchen
Manövern immer leicht auf im Sitz.. Während wir unsere tiefen
Runden ziehen, startet unten auf dem Hang ein gelber Gleitschirm.
Ich starte im Geist mit: Zwei Schritte nach vorne, Blick nach oben,
Schirm leicht abbremsen, losrennen, Schirm stabil halten, abheben,
Sicherheitspause, sich im bequemen Sitz nach hinten schieben, entspannen
und fliegen lassen..
Jetzt aber bin ich am arbeiten. Klick,klick, klick: „Noch eine
Runde und wir haben es geschafft“.

15.05 Uhr: Letzter Blick auf Davos
Pipi
über dem ewigen Eis
Während
des Abfluges nach Westen um 15 Uhr, drehen wir noch eine Fotorunde
über Davos: Für alle Fälle. Wir passieren in 8000 Fuss
Höhe Arosa und Lenzerheide. Rechts unten breitet sich Chur aus.

15.30 Uhr: Anflug auf das Tödi-Massiv
Dann nehmen wir Kurs auf die höchsten Gipfel im Westen: Sie sind
bis 3614 Meter hoch und gehören zum Tödimassiv. Die Schluchten
und Zacken unter uns sind unwahrscheinlich schroff und bedrohlich.
Vor uns liegen die Felder des ewigen Schnees. Über dem Hüfi-Gletscher
auf etwa 12000 Fuss drehe ich eine Fotorunde.

15.35: Über dem 3300 Meter hohen Hüfi-Gletscher
im Tödimassiv
Dann gilt es, das zweieinhalbtausend Meter tiefer gelegene Reusstal
zu überfliegen. In solchen Höhen fühle ich mich höchst
unwohl. Ganz im Gegensatz zum Segelflieger Georg, der sich bei meinen
Lieblingshöhen knapp über den Berghängen höchst
unwohl fühlt. Jetzt ist also seine Stunde gekommen. Er sitzt
neben mir und bastelt irgendwas mit seiner Karte. „Georg, kannst
Du mal übernehmen ?“. „Tut mir leid, ich muss jetzt
urinieren“*, ertönt es hinter dem Kartenverschlag. Sch….Immerhin
ist der erfahrene Segelflieger für solche Momente vorbereitet
und hat alles im Griff. Nach einigen Minuten verlässt etwas,
das ich nicht sehen will das Flugzeug aus dem Seitenfenster, während
ich schicksalsergeben Westkurs halte. Wir fliegen über den sagenumwobenen
Surenenpass nach Engelberg und nähern uns von Süden unserem
letzten Ziel: Dem Stanserhorn in der Kontrollzone des Flugplatz Buochs.

16
Uhr: Das Stanserhorn mit dem Vierwaldstättersee und dem Rigi-Massiv
im Hintergrund.
Ganz links unten ein Teil des Flugplatzes Buochs.
Als
wir nach dem 124 km Flug von Davos das Stanserhorn erreichen, ist
es schon 15.50 Uhr. Dennoch wimmelt es von Menschen auf dem Gipfel.
Wir machen unsere Aufnahmen und werden dabei ebenfalls fotografiert,
wie sich später herausstellt.

16 Uhr. Die D-KRRK beim Fotoflug um das Stanserhorn.
Fotografiert von Hansueli Bigler
„Buochs Tower D-KRRK Photomission overhead Stanserhorn completed.
Proceeding via south und will come back in Gliderkconfiguration“,
melde ich. „Next Report when entering Controlzone“, sagt
Buochs Tower. Wir steigen nochmals über Engelberg auf 8000 Fuss
und stellen den Motor ab. „Georg, jetzt kannst Du fliegen“.
„Ja danke“. Um 16.26 Uhr setzen wir im Segelflug wieder
auf der Piste 07 L auf. Nach drei Stunden und 18 Minuten. Nach einer
Flugstrecke von gegen 450 km. Und mit vielen Bildern in der Kamera.
Niklaus Wächter