Mit dem Taifun rund um die Ostsee

Text und Bilder: Gabriele Brönner-Garben und Manfred Garben (Berlin)


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Im Juli 2002 haben wir mit unserem Motorsegler Taifun17 E einen Flug über Polen, die Baltischen Staaten, Finnland und Schweden rund um die Ostsee gemacht. Der Flug führt von Berlin über Danzig, die Masurischen Seen, die Kurische Nehrung zur Insel Saaremaa in Estland und von dort über Tallin, die Aland Inseln, Schweden und Dänemark wieder zurück nach Berlin.
Damit jedoch all die schönen Erlebnisse nicht verloren gehen, haben wir die wichtigsten Eindrücke aufgeschrieben und mit Fotos und Bildern zusammengestellt.


Samstag, 6. Juli 2002
Alle Flugvorbereitungen sind erledigt: Jahresnachprüfung des Taifun bei Korff, Kartenmaterial und GPS-Datenbasis aktualisiert, fehlende Anflugkarten der Baltischen Staaten und Notams von AIS-Schönefeld per Fax schicken lassen, Versicherungsnachweis des Taifun an AIS-Polen gefaxt, Flugplan von Schönhagen nach Danzig aufgegeben und letzte Wetterinfos eingeholt. Sie sind vielversprechend - ein stabiles Hoch über Süd-Finnland hält die von Westen über Mitteleuropa nahenden Tiefs ab.



Der Flieger ist gecheckt und vollbepackt: 2 Reisetaschen, die Fliegertasche, Zelt, 2 Luftmatratzen ... Schwimmwesten, Werkzeug, Öl und Proviant - alles zusammen gerade mal 20 kg!

Um 10 Uhr Ortszeit heben wir in Oehna ab.

 

Kurze Zwischenlandung in Schönhagen für die Pass- und Zollformalitäten durch die Flugaufsicht nach telefonischer Voranmeldung am Vortag.
Um 11.22 Uhr geht’s weiter. Die 1. Etappe führt uns südöstlich an Berlin vorbei bis zur Oder und dann nach Norden bis zum Einflugpunkt BODLA südwestlich von Stettin. Wir melden uns bei FIR-Berlin ab und schalten um auf Szczecin-TWR (Stettin). Über die für VFR-Flüge vorgeschriebenen Luftstraßen VK8 und VK7 von Stettin fliegen wir Richtung Gdansk(Danzig). Der Fluglotse erfragt unsere voraussichtliche Flugzeit bis zu den vorgegebenen Meldepunkten und weist uns an, bei Erreichen des Meldepunktes MAISTKO auf Danzig APR umzuschalten.
Unter uns viele Seen, Wälder, einige Dörfer, wenige Städtchen, klein parzellierte Felder. Vor Danzig wird die Landschaft unter uns hügeliger und besiedelter.
Anflug und Landung in Danzig nach 2 ½ Std. Flugzeit sind kein Problem: tanken, abstellen, ausladen, sichern der Maschine gegen Wind und Regen. Alles schon Routine!
Die polnischen Mitarbeiter am GAT sind aufgeschlossen, unbürokratisch, sprechen gut Englisch und warnen uns vor den illegalen Taxen. Und schon werden wir angesprochen. Der Preis scheint uns gar nicht so hoch - wir sind unsicher - Manfred erkundigt sich bei den offiziellen Taxen und siehe da, sie sind wesentlich billiger.
Das empfohlene Hotel ist in Ordnung (45€ pro Nacht für uns zwei); wir finden ein schönes Restaurant in einer umgebauten Mühle und probieren das erste Mal Piroggi.

Sonntag, 7. Juli 2002

Der sog. Königsweg ist unser erstes Ziel - der Reiseführer erläutert Bedeutung, Besitzer und Entstehung der repräsentativen Häuser.

An einem fahrbaren Bernsteinstand kommen wir mit einem älteren Polen ins Gespräch, der als 16-Jähriger mit seinem Bruder zur Zwangsarbeit in Deutschland war und noch recht gut Deutsch spricht und sich an viele Orte und Städte erinnern kann, in denen er vor 58 Jahren war: „Wo ich vor mehr als 50 Jahren war, das weiß ich genau, aber was ich gestern Abend gegessen habe, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Solche Begegnungen sind einerseits wegen ihrer Offenheit schön, machen uns wegen der deutschen Vergangenheit aber auch immer wieder etwas beklommen. Wir kaufen noch drei verschieden farbige Bernsteinketten für einen sehr günstigen Preis.

 

Als es zu regnen beginnt, flüchten wir ins Schifffahrtmuseum im alten Kran.


Danach Fisch und Pommes am Wasser, dann Besichtigung der Marienkirche mit einer 400 Jahre alten astronomischen Holzuhr und Aufstieg auf den Glockenturm der Kirche.

Die nur aus Holz gefertigte astronomische Holzuhr von 1464 zeigt die Uhrzeit, das Datum, die aktuelle Mondphase und den Stand der Sternzeichen an. Am Fuß der Uhr ist das Gesicht des Uhrmachers zu erkennen. Ihm wurden auf Geheiß des Bürgermeisters nach der Fertigstellung der Uhr die Augen ausgestochen, damit diese Uhr einzigartig blieb. Sie ist es! Am Nachmittag mit dem Schiff zur Westerplatte: Hier hat durch Beschuss durch deutsche Kriegsschiffe am 1.9.1939 der 2. Weltkrieg begonnen.

Montag, 8. Juli 2002

Es geht weiter. Flug von Danzig über Masuren (VK10)nach Litauen. Eine Genehmigung für den direkten Durchflug des jetzt russischen Ostpreußen über Kaliningrad (Königsberg)und die Nehrung soll zwar möglich aber sehr aufwendig sein - wir versuchen es deshalb erst gar nicht.

 

Bei schönstem Wetter geht’s um 11.06 Uhr in die Luft und in 2000 Fuß erst nach Süden bis Nowe an der Weichsel dann über die Masurischen Seen in Richtung Osten. Ab und zu melden wir über Funk unsere Position, Höhe und voraussichtliche Überflugzeit (ETA) der nächsten Pflichtmeldepunkte. Dem Funk nach zu urteilen haben wir das Gefühl fast allein in der Luft zu sein. Das GPS weist uns den rechten Weg. Über der Grenze zu Litauen melden wir uns bei Kaunas Approach und werden - wie in Polen - in sehr gutem Englisch willkommen geheißen (schwierig war für uns manchmal nur das Verstehen und Aussprechen der polnischen Meldepunkte).

Landung in Kaunas um 14.00 Uhr (lokal): großer Flugplatz - hohe Gebühren - großer Verwaltungsaufwand!
Beim Abstellen kommen uns die Besatzungen von vier deutschen Maschinen (aus Kyritz) entgegen, die im Verband VFR von Riga kommend mit Ziel Danzig in Kaunas zwischengelandet sind und uns aufgebracht ihre Erlebnisse mit der litauischen Flugplatzbürokratie erzählen. Erst wollen wir es nicht so recht glauben, aber nach 21/2 Stunden Bürokratie und einer Rechnung von ca. 100 Euro für Landung, Handling (Bremsklötze vorlegen) und An- und Abflug sind wir ebenso sauer. Nach den positiven Erfahrungen in Polen haben wir in Kaunas das Gefühl, Wegelagerern in die Hände gefallen zu sein.
Wir starten schnellstmöglich wieder und fliegen gegen die schon tiefer im Westen stehende Sonne die Memel entlang bis zu ihrer Mündung - der Flug entschädigt uns für alles. Der Himmel ist blau und nordisch klar, unter uns eine relativ dünn besiedelte Fluss-, Wiesen- und Waldlandschaft: Das südliche Memelufer bildet die Grenze zu der russischen Enklave des ehemalige Ostpreußen.


Die Sichten sind hervorragend, so dass wir von weitem (30-40 km) bereits die Kurische Nehrung am Horizont erkennen und das Delta der in das Haff mündenden Memel. Dann geht’s über das Haff mit direktem Kurs auf Nidden/Nida zu, in der Mitte der etwa 100 km langen und etwa 2-4 km breiten Nehrung gelegen. Hier verläuft die jetzige russische Grenze, die wir in jedem Fall meiden müssen.

 


Als wir die Nehrung erreichen, erkennen wir südlich von Nida ausgedehnte Sanddünen, den Ferien- und Fischerort Nida mit vielen rot gestrichenen Holzhäusern und nördlich davon - mitten in einer Waldschneise - die etwa 600m lange Asphaltbahn des Flugplatzes von Nida, der lt. NOTAM wegen der häufig starken Seitenwinde nur für Rettungsflüge geöffnet ist.


Ab Nida gehen wir auf Nordkurs und fliegen über die Kurischen Nehrung vorbei an Klaipeda (ehemals Memel) nach Palanga, wo wir nach insgesamt 2 Std. Flugzeit landen. Der Platz ist umzäunt und gut bewacht. Das Flugplatzpersonal ist reserviert, etwas unfreundlich. Wir verzurren unseren Flieger und sitzen 40 Minuten später im Bus nach Palanga, das etwa 10 km südlich des Flugplatzes liegt. Zimmersuche in Palanga: Das ehemals sozialistische Grand-Hotel kommt nicht in Frage. Wir versuchen es mit einer Privatunterkunft. Na, ja .... Die Vermieter sind sehr aufgeschlossen und freundlich. Es gibt Tee und Gurken aus dem Garten. Palanga ist ein einziger großer Rummelplatz mit vielen Touristen aus Rußland, Lettland, Schweden.


Dienstag, 9. Juli 2002

Nachdem wir etwas ungewohnt unter einer einzigen Decke, in dem etwas muffig riechenden Zimmer überraschend gut geschlafen haben, machen wir uns per Bus auf den (Land-)Weg nach Nida. Vorher wird am Straßenrand gefrühstückt. Die gefüllten Pfannekuchen sind hervorragend im Gegensatz zu Manfreds schlaffen Hot Dogs. Wir fahren mit einem Minibus nach Klaipeda. Dort setzen wir mit der Fähre auf die Kurische Nehrung über und fahren dann wiederum mit dem Bus auf der einzigen Landstraße bis Nida. Eine 70 km lange Fahrt überwiegend durch Kiefernwald, ab und zu mit Blick auf die Ostsee oder das Haff, die Busse sind bis auf den letzten Platz gefüllt, es ist sehr heiß.
Dann sitzen wir in Nida bei einem Bier mit Blick auf das Haff und genießen Landschaft, Schönheit, Ruhe. Nicht allzu lang, denn wir wollen noch auf die 60m hohe Düne und an den Strand. Von der Düne ein weiter Blick hinüber auf den russischen Teil der Kurischen Nehrung. Am Strand wunderschöner, weißer Sand und eine kalte Ostsee! Wir müssen wieder zurück, um 20.30 Uhr fährt der letzte Bus nach Palanga.
Und noch eine Überraschung: Auf dem Weg zur Düne begegnen wir Matthias Weström mit seiner Frau und Anita Cieslak von der Blista, sie sind seit gut einer Woche auf der Nehrung und genießen die Zeit.
Auf unserem Rückweg ist noch Zeit auf dem Marktplatz von Klaipeda, unter dem Ännchen-von-Tharau-Brunnen zu Abend zu essen. Wir beschließen unser Gepäck in Palanga zu holen und zwei weitere Tage auf der Nehrung zu verbringen.


Mittwoch, 10. Juli 2002

Wir stehen früh auf. Nach der Überfahrt mit der Fähre in Klaipeda sind wir nicht schnell genug vom Schiff - alle Busse nach Nida sind besetzt - ein Taxifahrer bietet sich für den gleichen Preis an. Wir finden noch zwei weitere Mitfahrer, eine Russin aus Moskau mit ihrem Sohn, und los geht’s. Der verpasste Bus erweist sich als Glücksfall, denn der Taxifahrer, den wir nach einer schönen, kleinen Unterkunft fragen, bringt uns nach einigem Hin und Her zu einer sehr schön gelegenen Pension direkt am Haff. Graschina und Alfredas begrüßen uns mit großer Herzlichkeit und Fröhlichkeit - wir fühlen uns willkommen.
Dann gibt es zur Stärkung erst einmal kalte Getränke, ein Fischragout mit Kartoffelsalat und eine Einladung zum Grillen am Abend als Abschiedsessen für den 16jährigen Sohn, der zusammen mit einem deutschen Freund am nächsten Morgen abreist und in Deutschland auf einem litauischen Gymnasium (in der Nähe von Hanau) sein Abitur machen soll.
Wir gehen an den Strand - es ist sehr heiß und wir liegen in den Dünen - ein weicher, frischer Wind weht über uns hinweg. Herrliche Stunden!
Nach unserer Rückkehr geht es auch schon los: Graschina begrüßt alle Gäste und stellt uns vor. Es sind ausnahmslos deutsche Gäste. Als erstes gibt es frisch geräucherten Aal und verschiedene Salate und zum Anstoßen: „Lustigwasser“.
Danach in Apfelsaft eingelegtes Schaschlik (hervorragend!) mit Kartoffeln und viel Kuchen zum Nachtisch.
Sehr viel später geht es an den Strand zum großen Feuer mit viel Gesang und noch mehr Lustigwasser. Manfred geht schon mal ins Bett.....


Donnerstag, 11. Juli 2002

Ein schwieriger Tag für Manfred: etwas bewölkt mit Katerstimmung.
Wir besuchen das Sommerhaus von Thomas Mann, das er 1930 auf dem Schwiegermutterberg erbauen ließ und in dem die Familie Mann drei Sommer-urlaube verbrachte. Haus und Inneneinrichtung ganz aus Holz, jeder Stuhl, jedes Bücherregal nach den Wünschen des Dichterfürsten entworfen und gefertigt mit dem sog. „Italienblick“ auf’s Haff.. Viel hat das Museum noch nicht zu bieten, vieles steckt noch in den Anfängen.
Ich besuche das sehenswerte Bernsteinmuseum mit einer großen Auswahl von wunderschön gefertigtem, teurem Bernsteinschmuck, den Friedhof mit den eigenartigen Holzkreuzen, die so gar nicht christlich aussehen, und die evangelische Kirche.
Nach einer längeren Mittagspause, nehmen wir die Räder und fahren bzw. schieben die Räder über Wald- und Sandwege zum Sonnenuntergang ans Meer. Ohne Worte!


Freitag, 12. Juli 2002

Wir wollen weiter Richtung Norden. Von Alfredas werden wir mit dem Auto bis nach Klaipeda mitgenommen, von dort fahren wir mit dem Bus bis Palanga und das letzte Stück mit dem Taxi zum Flugplatz.
Ich muss, bevor nicht alle Formalitäten von meinem Piloten erledigt sind, in der Flughalle warten. Das ist uns noch nie passiert. Die Erledigung der Bürokratie dauert wieder ca. zwei Stunden und ist exklusiv teuer wie in Kaunas.
Als ich schon nicht mehr weiß, was ich tun soll, fragt mich ein Journalist, der auch gleich einen Dolmetscher mitgebracht hat, nach meinen Reiseeindrücken in Litauen. Ich schwärme ihm von der Kurischen Nehrung vor, vergesse aber auch nicht die überhöhten Flugplatzgebühren zu erwähnen und versuche ihm klar zu machen, dass nicht alle Leute aus Deutschland, die ein kleines Flugzeug besitzen, reich sind. Ich glaube, er hat mich nicht verstanden.

 


Er macht noch ein schönes Foto von uns (ob es je veröffentlicht wurde, wissen wir nicht). Endlich starten wir wieder bei schönstem Flugwetter gegen 13.40 Uhr in Richtung Norden immer die Küste entlang über Lettland an Liepaja vorbei nach Kuressaare auf der Insel Saaremaa in Estland. Der Himmel gehört uns ganz allein und auch die Flugsicherung stört nicht. Flughöhe 1500-2000 Fuß. Unter uns eine weite flache Landschaft, viel Wald, wenige Orte, schmale Straßen, Steilküste am Meer, nur wenige Badestrände.
Nach 1 Std. und 45 Minuten landen wir in Kuressaare. Zu sowjetischen Zeiten war die Insel (ebenso wie Klaipeda) absolutes militärisches Sperrgebiet. Seit der Wiederherstellung der Souveränität im Jahre 1991 ist Kuressaare auch für (vor allem aus Finnland kommende) Touristen wieder zugänglich. Pass- und Zollkontrolle sind schnell erledigt. Der Flugplatz liegt 4 km vom Ort entfernt. Wir nehmen ein Taxi. Mit Hilfe der Touristeninformation finden wir schnell eine Privatunterkunft. Das Städtchen ist klein, viele originelle Cafés und Restaurants, eine beein-druckende mittelalterliche Burg (wahrscheinlich ab 1260 durch den Deutschen Ritterorden begonnen) und eine angenehme und heitere Atmosphäre, wohin man kommt.



Samstag, 13. Juli 2002

Wieder schönstes Sommerwetter mit kleinen Schönwetterwölkchen. Wir leihen uns Fahrräder (auf Motorroller ist man noch nicht eingestellt) und fahren Richtung Westen. Fahrradwege gibt es nicht, die Straßen sind zwar nicht sehr befahren - aber es ist alles andere als angenehm, wenn die Autos so vorbeibrausen. Wir biegen zu einem alten Hafen ab. Nichts Aufregendes.
Auf dem Rückweg entdecken wir eine Fischräucherei: frisch geräucherte Schollen, selbst gebrautes helles Starkbier, Brot, Tomaten und Käse. Eine bleibende Erinnerung!



Sonntag, 14. Juli 2002

Um 7.45 Uhr sind wir am Flugplatz. Wir geben den Flugplan nach Tallinn auf, bezahlen, machen den Flieger startklar und ab geht´s.
Nach 1 ½ Std. Flug bei gutem Flugwetter setzen wir auf dem großen, neuen, inter-nationalen Flughafen von Tallinn auf. Für alles wird - wie in Kaunas und Palanga - kräftig kassiert. Aber man ist gnädig und erlässt uns wenigstens die Gebühren für den ungefragten Bustransfer vom Flieger zum Flughafengebäude.
Ins nahe Zentrum fahren wir mit dem Bus. Wir suchen das Tourismusbüro: Es ist sehr heiß, viele Menschen sind unterwegs. Die Preise für Unterkünfte in der Altstadt sind hoch. Das erste Zimmer ist entsetzlich: Hochbetten, Fenster zur Straße, direkt neben der Rezeption, Toiletten min. 30m entfernt. Wir müssen noch einige Kronen drauflegen für eine passable Unterkunft. Nach dieser langen Zimmersuche haben wir Hunger. In einem nahen Supermarkt kaufen wir unser Mittagessen: Brot, Fischsalate, Getränke.


Danach brechen wir zu unserem Stadtrundgang auf: über den Rathausplatz, der auch als Marktplatz dient, über den Domberg zur russisch-orthodoxen Alexander-Newski- Kathedrale zu den verschiedenen „Aussichtsbalkonen“ der Stadt mit Blick über die Dächer bis hin zum finnischen Meerbusen. Besonders beeindruckend sind die vielen restaurierten mittelalterlichen Handels- und Gildehäuser durch ihre Größe und prächtigen Fassaden. Doch so richtig Spaß macht uns das Alles nicht: Mir ist speiübel! Es muss an dem Fischsalat liegen. Ich versuche es noch mit einem Bier: ent oder weder. Doch es klappt nicht. Ich muss zurück in Hotel. Manfred erwischt es einige Stunden später.


Montag, 15. Juli 2002

Wir entschießen uns weiter zu fliegen. Wir wollen raus aus der Stadt aufs Land.

 


Während ich noch etwas geschwächt bin und ab und an einschlafe, erlebt Manfred den wohl schönsten Flug unserer Reise: Tausende von kleinen und kleinsten Inseln aus rotem Felsen, dicht bewachsen. Unser Ziel ist Mariehamn auf den Aland-Inseln: 6500 Eiländer, politisch zu Finnland, kulturell, sprachlich zu Schweden gehörend.
Ein paar Kilometer vom Flugplatz entfernt finden wir eine alte Holzstuga - sehr, sehr idyllisch.
Wir sind noch etwas angeschlagen. Nach einer Kinderportion Kartoffelpüree mit gedünstetem Fisch liegen wir um 21.00 Uhr im Bett.


Dienstag, 16. Juli 2002

Am nächsten Morgen geht es uns beiden wieder besser.
Frühstück bekommen wir von der Vermieterin, ebenso wie auch 2 Fahrräder. (Sie spricht den ersten Tag nur Englisch mit uns, da sie uns wegen unseres guten Englisch für Engländer hält!)
Wir radeln zunächst zum Schifffahrtsmuseum in Mariehamn mit dem Museumsschiff „Pommern“, einem 3-Mast-Frachtsegler aus dem Jahr 1903. Ein sehr übersichtlich gestaltetes Museum mit sehr schönen Exponaten. Besondern ein-drucksvoll ist die „Pommern“: ihre Größe, ihre original erhaltene Ausstattung, die Bilder von ihren Fahrten in Unwetter und Sturm.


Weiter geht es an der Westküste in Richtung Süden zum Baden und Sonnen.
Auf dem Rückweg ein kleiner Einkauf: frischen Fisch und Salat.
Sonnenuntergang am Wasser um ca. 22.30 Uhr.

Mittwoch, 17. Juli 2002

Erst um 11.00 Uhr sind wir am Platz: Flugplan, Wetter, neue Luft für die Reifen, Öl, Gepäck verstauen, Scheiben putzen. Wir brauchen fast 1 ½ Stunden für die Vorbereitungen.
Es ist sehr heiß - in der Luft etwas angenehmer.
Wir nehmen die Route über das Wasser in 2500 Fuß an Stockholm vorbei bis nach Västerwik. Ein schöner Flug.
Västerwik ein typisch schwedischer Platz: kein Funk, aber eine gute Piste in einer breiten Waldschneise und ein freundlicher „Platzwart“. Benzin gibt es auch: Avgas für nur 6,2 Kronen (ca. 80 Cent).
Manfred schaut sich mit dem „Platzwart“ im klimatisierten Tower auf dem PC die Wetterprognosen an; ich warte lustlos vor der Hütte in der Hitze - wir entscheiden weiter zu fliegen.
Beim Start hustet der Motor, Manfred bricht den Start vor der Halbbahnmarkierung ab. Nachdem er mit angezogener Bremse den Gashebel vorsichtig mehrmals bis zum Anschlag nach vorne schiebt, läuft der Motor wieder rund. Wir rollen zurück zum Start und geben Vollgas. Mit etwas mulmigem Gefühl rollen wir los, müssen wir am Ende der 600m langen Bahn doch die ersten Baumwipfel überstiegen haben, um nicht im Wald zu landen. Doch beim zweiten Versuch klappt alles und wir sehen nach kurzem Steigflug das Meer wieder vor uns.
Wir suchen einen Platz, wo wir endlich mal unser Zelt aufschlagen können. Unser erster Versuch schlägt fehl: Der Platz Ölanda im Norden der Insel Öland ist unter aller Kritik: eine 800 m lange Bahn, holperig, Schlaglöcher, direkt neben einer Go-Cart-Piste. Wir starten gleich wieder.
Über Öland fliegen wir südwärts bis Kalmar, danach Richtung Westen nach Emmabodda. Wir überfliegen den Platz von Emmabodda, um die Landerichtung auszumachen und setzen über Funk eine Blindmeldung ab.
Beim Landeanflug sehen wir plötzlich Leute auf der Bahn - also längere Landung, dann kurz vor dem Aufsetzen bemerken wir aufgestellte Holzpfosten - Manfred findet eine Lücke, wir rollen aus, stellen den Flieger vor dem Hangar ab.
Ein Motorrad kommt angerast, wir haben ein etwas schlechtes Gewissen, und das Gefühl irgendetwas übersehen zu haben.
Jedoch für den Motorradfahrer und Flieger, Marco, kein Problem. Er erklärt uns, dass die 1200 m lange Landebahn vor sechs Monaten halbiert wurde: die eine Hälfte für die Flieger, die andere Hälfte für Schleuderkurse probende Autofahrer. Unsere Anflugkarte war wohl nicht auf dem neuesten Stand! Wir können den Taifun abstellen, Marco organisiert eine Fahrgelegenheit und ein Hotelzimmer in Emmabodda bei seinem Freund Göran.

Am Abend treffen wir dann beim Essen wieder mit Marco zusammen, und er erzählt uns aus seinem abenteuerlichen Leben und wie es ihn von Jugoslawien über Deutschland nach Schweden verschlagen hat. Ein ereignisreicher Tag.

Donnerstag, 18. Juli 2002

Nach 12 Tagen bestem Flugwetter erreicht uns schlechtes Wetter mit Sichten unter 2 Km und 500 Fuss Wolkenuntergrenzen von Südwest.
Wir müssen in Emmabodda bleiben, obwohl es hier alles andere als verlockend aussieht: zwei Hotels, eine Bahnlinie, ein paar Supermärkte, wenig mehr. So eine Art Einkaufsmittelpunkt inmitten der Wald- und Seenlandschaft.
Mit dem Zug fahren wir in das 30km entfernte Kalmar. Besonders eindrucksvoll ist hier das Schloss, gebaut um 1180 mit einer riesigen Befestigungsanlage und im 14. Jahrhundert unter Margarete (1385-1420) Zentrum einer Union nordischer Staaten.



Freitag, 19. Juli 2002

Göran setzt uns mit unserem Gepäck am Morgen am Flugplatz ab; er startet bei Untergrenzen von 500 bis 800 Fuss mit seinem Flieger zur Inspektion nach Kalmar. Er hat wohl die letzte Lücke erwischt.

 


Das Wetter wird immer schlechter. Er beginnt heftig zu regnen, die Wolkenuntergrenzen sinken noch weiter ab. Zwischen Lastwagen, Anhängern, einem alten Wohnwagen und Abfalltonnen stellen wir uns in einem Schuppen unter und hoffen vergeblich auf Wetterbesserung.


Am Nachmittag kommt ein Freund von Göran und Marco, die zu dritt den Platz betreiben, und schließt uns das Büro auf, damit wir uns Tee kochen können. Blaubeeren finden wir auch nicht. Gegen 16.20 Uhr holt Göran uns wieder ab - wir beziehen unser altes Hotelzimmer. Göran lädt uns zum Abendessen ein, wir besorgen den Wein und es wird ein netter Abend.

Samstag, 20. Juli 2002

Immer noch grauer Himmel, tiefe Wolken und schlechte Sichten - keine Möglichkeit wegzukommen. Wir entschließen uns mit dem Zug nach Växjo zu fahren und dort das Auswanderermuseum zu besichtigen. Zwischen 1646 und 1930 wanderten 1,2 Millionen Schweden vor allem in die USA aus. Jeder 5. Auswanderer kehrte jedoch auch wieder nach Schweden zurück. Aufgefallen ist mir, dass die Auswanderung anders als in deutschen Veröffentlichungen gewertet wurde: nicht so sehr als ein tragisches Ereignis, sondern eher als einen großen, hoffnungsvollen Schritt in eine bessere Zukunft.

Am frühen Nachmittag telefoniert Manfred stündlich mit Herrn Witte oder Herrn Anders, unseren treuen Berliner Ratgebern in allen Wetterfragen auf unseren Flugreisen. Herr Anders sieht eine Chance für uns: ein Zwischenhoch, das ab heute Nachmittag auch Südschweden erreichen wird, bevor es Morgen Mittag wieder schlechter werden soll!
Wir entschließen uns mit dem nächsten Zug zurückzufahren, packen unsere Sachen, werden zum Flugplatz gefahren und um 18.00 Uhr klart es tatsächlich soweit auf, dass wir Richtung Westküste starten können. Je mehr wir nach Westen kommen, desto besser wird das Wetter. Wir haben es geschafft. Wir überfliegen Tynksrid, unseren Urlaubsort vor fünf Jahren und landen nach gut 1 stündigem Flug in Landskrona, nördlich von Malmö.
Wir tanken - gehen aufs Klo; wir wollen wegen der schlechten Wetterprognose versuchen, noch an diesem Abend nach Mecklenburg-Vorpommern zu kommen. Das „Aus“ kommt jedoch 10 Minuten nach dem Start. Wir melden uns auf der FIS Frequenz von Malmö und geben unser Flugziel Rostock an. Der Fluglotse fragt uns nach dem Flugplan. Wir haben keinen. Wir müssen nach Landskrona zurück. Manfred hatte fälschlich angenommen, dass (von wegen Schengen) kein Flugplan erforderlich ist.
Wir sind jedoch gar nicht so traurig. Die Pächterin des Flugplatzes macht uns ein gutes, fischiges Abendessen im Wintergarten des Klubhauses und ein Bett im Dachzimmer. Bald gehen wir schlafen, nicht ohne Herrn Anders gefragt zu haben, wie das Wetter am nächsten Tag wird. Sehr früh aufstehen, rät er uns, weil von Westen eine Gewitterfront naht, die Berlin gegen Mittag erreichen soll.


Sonntag, 21. Juli 2002

Um 5.00 Uhr klingelt unser Handy-Wecker. Waschen, noch mal Wetterinformationen einholen, frühstücken, Sachen verstauen, Tragflächen trocken reiben.

 


Um 7.00 Uhr LT starten wir. In Schweden haben wir noch diesiges Wetter, mit Bodennebel im Küstenbereich - im Norden Deutschlands scheint die Sonne.

 

Wir fliegen vorbei an Malmö, dann entlang der Küste über Lolland/Falster.
Nach 3 stündigem Flug schließt sich der Kreis. Wir sind wieder über Oehna. Von Südwesten sehen wir die angekündigte Gewitterfront nahen. Wir setzen wohlbehalten auf und rollen aus ... ich bin erleichtert. Vor 6-7 Jahren fiel mir immer ein großer Stein vom Herzen. Heute ist es nur noch ein kleiner - vor allem da ich jetzt endlich weiß, wie die Querruder funktionieren.
Es ist schön mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen! Aber, vielleicht in zwei, drei, vier Wochen oder Monaten werde ich wieder bereit sein für das nächste Ziel. ... auf ein Neues!

 

Gabriele Brönner-Garben und Manfred Garben

 


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